Schreiben ist sich selber lesen

Vor einigen Tagen hatte ich wieder die Gelegenheit, ein dreijähriges Kind zu beobachten, welches in Begriff war, sich selbst das Schreiben und Lesen beizubringen.

Vertieftes Studieren, eingehende Blicke auf die bedeutsamen Symbole des eigenen Namens oder dem einer nahen Bezugsperson. Vollkommen selbstständig werden Zeichen mit Bedeutung aufgeladen und erste Worte zu Papier gebracht.

Ein bewegender Moment, der auffordert, einen Schritt zurück zu machen. Nicht zu stören, wird zum Bedürfnis.

Ich beginne mir vorzustellen, wie sich die Geschichte des Kindes weiterentwickeln wird, wie es eines Tages die Tür zur Sekundaria betreten wird und einige Jahre später die große Tür ins freie Leben.

Auch beginne ich mir vorzustellen, wie es wäre, würden alle Kinder im Kinderhaus, in unserer Schule, in unserem Land oder gar auf der Welt in dieser großen Liebe zum Leben und der eigenständigen Entwicklung erwachsen werden.

Wäre die Welt eine andere, bessere? Würde so nicht jede neue Generation das Herkömmliche erhöhen und ihm damit auch eine wahre Würde verleihen?

Ich beobachte die frühe Selbstständigkeit, die junge Freiheit und die tiefe Verbundenheit des Kindes und weiß, dass dieser junge Mensch alles werden kann und frage mich, ob er nicht auch alles sein wird.

Warum fällt es uns so schwer, natürliche Entwicklung zu zulassen, obwohl mit jedem Kind dieser innere Drang zur Entwicklung und die Liebe zur Lebendigkeit und Verwandlung neu mit auf die Welt kommen?

Wovor haben wir Angst? Sind wir selbst zu etwas gemacht worden und geben deshalb unsere Not weiter? Können wir aus Angst der natürlichen Entwicklung unserer Kinder zuwenig vertrauen, weil wir nicht zu dem geworden sind, wer wir sind? Werden deshalb soviele Menschen krank am Leben, krank in Seele und Geist?

Was treibt ein dreijähriges Kind an, sich selbst das Schreiben und Lesen beizubringen? Nein, es ist nicht, weil es Spaß macht, denn es strengt ganz schön an. Es ist also nicht lustig. Im Gesicht des Kindes ist ein tiefer Ernst zu lesen, dass es dies tun muss, gleichsam einem inneren Befehl gehorchend.

So wie sie im Mutterleib schon ihrem inneren Baumeister gehorcht haben und sich all die notwendigen Fähigkeiten beigebracht haben, die sie benötigt haben, um mit der Geburt erfolgreich ins Leben zu gelangen.

Was mag in Kindern vorgehen, die diesen inneren Befehlen nicht mehr gehorchen, weil sie ihr Vertrauen in sich selbst und somit in ihren eigensten Lebensweg verloren haben?

Sie sind geprägt von Unsicherheit und Angst. Sie tun sich schwer, äußere Erfahrungen mit inneren Empfindungen zu koppeln und zu bewerten.

Solche Kinder versuchen, den Wünschen der Umgebung zu entsprechen. Sie wünschen sich äußere Befehle und äußere Bewertungen, welche ihnen helfen, Sicherheit zu finden. Ständig sind sie begleitet von der Frage, ob sie richtig sind und meinen eigentlich zu fragen, ob sie geliebt werden können, so wie sie sind.

Erste selbstintendierte Bewegungen sind in der 8. Schwangerschaftswoche nachgewiesen. Kinder, die ihr Vertrauen in ihren „inneren Baumeister“ verloren haben, verlassen ihren ursprünglichen, selbstintendierten Weg der Entwicklung und sind angewiesen auf permanente Anleitung.

Dann erscheinen erste eigene Worte zögerlich und der Weg ins symbolische Denken ist begleitet von Verlustangst, zeigte Dr. Ludwig Janus schon vor vielen Jahren auf. Eigene Gedanken werden von solchen Kindern auch im späteren Leben vermieden und auch als Erwachsene sind sie angewiesen auf äußere Befehle, auf eine Führerschaft, die für sie bewertet und entscheidet.

Sollten wir als Erwachsene, auch und vor allem unter Bedachtnahme, dass sich kommendes Jahr ein historisch bedeutsames Ereignis zum 80. Mal jährt, nicht auch bei uns überprüfen, ob wir diese, unsere inneren Befehle noch wahrhaben. Ob wir in tiefer Verbundenheit zu uns selbst handeln und denken und auch unsere Kinder begleiten?

Wie kommt nun ein dreijähriges Kind dazu, sich selbst das Schreiben und Lesen beizubringen?

Dr. Montessori spricht von einer „vorbereiteten Umgebung“, in der alles vorhanden ist, was das Kind braucht, und nichts vorhanden ist, was das Kind nicht braucht. Dies meint nicht nur Spielzeug, sondern vor allem Geistiges: Gedanken, Emotionen, Wünsche, Ängste,…

Neben dieser vorbereiteten Umgebung, der passenden Atmosphäre, wenn man möchte, braucht es bedeutsame Menschen, denen Lesen und Schreiben wesentlich ist.

Was geht im Kind vor, wenn es seine Mutter beobachten kann, die ein Buch liest?

Das Kind lernt nichts über den Inhalt des Buches, aber es lernt:
– wie man dem Alltag entsteigt und sich vertieft in den Gedanken anderer Menschen
– wie man also Anteil nimmt am Leben anderer mittels geschriebener Sprache
– wie es ist, von einem Buch, einem Gedanken eines anderen Menschen gefesselt zu sein
– wie man planen muss, sich Kapitel für Kapitel zu erschließen und sich dies über Tage und Wochen erstrecken kann
– sich auf eine Sache zu konzentrieren und von ihr ergriffen zu sein,
und in Summe die Bedeutung einer kulturellen Fähigkeit für uns Menschen.

Das kleine Kind fasst so immer mehr Vertrauen in seinen inneren Drang zur Entwicklung und gemäß den cerebral vorgegebenen Sensibilitäten bringt sich das Kind selbstständig alle Kulturtechniken bei und ein unendlich großer Erfahrungsschatz, ein tiefgehendes Weltwissen und eine unendliche Anzahl an eigenständigen Gedanken entstehen.

Wenn junge Menschen sich selbstständig und frei entwickeln sollen (dies meint ja schon der Begriff Entwicklung, ein „Auskleiden“), braucht es vor allem die passende Atmosphäre. Auch braucht es ernste Erwachsene, die bedingungslos zur natürlichen Entwicklung der Kinder stehen. Die Mut besitzen, Grenzen und Störungen aufzuzeigen und ihre eigenen Emotionen nicht mit den Gewändern des Verstandes so einkleiden, dass deren Wirkung verlorengeht.

Wo der Mut und das Vertrauen unserer Kinder fehlt, sind wir Erwachsenen aufgerufen, uns zu entwickeln. Wo Kinder sich mit drei Jahren selbstständig das Schreiben und Lesen beibringen, sind wir aufgerufen, das Leben immer weiter zu bejahen und lieben zu lernen.