Frühlingsmetamorphosen

„Für einen Menschen beginnt ein Lebensweg „virtuell“ mit dem Entschluss von Eltern, ein Kind zu zeugen, vielleicht noch etwas früher, nämlich mit der Tradition dieser Familie, zwei Kinder zu haben oder sieben. Wir haben also auch eine kulturelle Perspektive, eine soziohistorische und familiengeschichtliche Perspektive als Hintergrund mitanzusehen. Die Matrix für eine Lebensgeschichte beginnt also früher. Und die Matrix bleibt auch weiter wirksam.“, schreibt Prof. Hilarion Petzold.

Wir sind somit von Anfang an kulturelle Wesen, werden zu Menschen in gerade eben diesen kulturellen Perspektiven in denen wir zu Menschen werden. Dieses Werden an den „Du’s“ unserer Umgebung ist also geprägt von der Kultur in die wir hineingeboren werden und -auch das ist hinlänglich bekannt- auch abhängig davon, wie sehr es den wichtigen Bezugspersonen unserer Umgebung gelingt, uns willkommen zu heißen. Haben Mütter über längere Phasen der Schwangerschaft Schwierigkeiten, das heranwachsende Kind im Mutterleib anzunehmen, führt das zu Entwicklungsproblemen.

Mit der Geburt bringt das Neugeborene den Wunsch mit, in seinen Empfindungen und Bedürfnissen wahrgenommen und verstanden zu werden. Gelingt es dem Kind sich nach der Abnabelung mit sicherheitsgebenden Bezugspersonen -allen voran der Mutter- zu verbinden, weicht die Urangst einem stabilen Vertrauen. Als kulturelles Wesen beginnen für das Kind nun die wesentlichsten Phasen der Entwicklung in der es alle bedeutsamen Elemente der umgebenden Kultur -von der Sprache bis hin zu traditionellen Verhaltensweisen- zu absorbieren und in sein Wesen zu integrieren. Je willkommener, angenommener und wahrgenommener sich ein Kind in diesen Jahren fühlt, umso erfolgreicher und differenzierter wird diese hochsensible Zeit der Entwicklung gelingen.

Dem heranwachsenden Kind gelingt es innerhalb der ersten Lebensjahre alle bedeutsamen kulturellen Phänomene zu lernen und zu perfektionieren. Auch für die Eltern und nahe Bezugspersonen bedeutet dies, mit neuen und bisher unbekannten Gefühlen, Herausforderungen, Ängsten umgehen zu lernen und sie in ihr Leben zu integrieren. Je liebevoller und angstfreier dieses „willkommen heißen“ des neuen Erdenbürgers, aber auch all der neuen Erfahrungen welche die Erwachsenen in seiner Umgebung mit ihm teilen, gelingt, desto vielfältiger und erfolgreicher gestaltet sich dieses „aneinander“ wachsen. Je mehr Sicherheit und stabile Beziehungen dieses Werden gestalten, desto mehr führt die Entwicklung das Kind in seine Einzigartigkeit und in eine Freiheit der Gedanken.

Wir Erwachsenen haben die wunderbare Aufgabe, die Metamorphosen der Kinder in ihren wichtigsten Lebensjahren zu begleiten.

In der Welt der Insekten gibt es ebenfalls Metamorphosen, ein vielfaches geboren werden. Auch ein schillernder Falter braucht zum Gelingen einen geschützten Ort, das passende Klima und die Freiheit den richtigen Moment wählen zu können. Wie bei uns Menschen benötigt der Falter eine Lebensumgebung die jener entspricht, an die er sich angepasst hat, um erfolgreich überleben zu können.

Erst wenn der Falter all seine Verwandlungen erfolgreich durchlaufen hat, entpuppt sich ein schillerndes Kleinod aus der Welt der Insekten. Zum ersten Mal erscheint dann jenes Bild, welches jede Zelle des Falters zu jeder Zeit seiner Entwicklung in sich getragen haben muss. Imago nennt man deshalb ja auch das erwachsene Insekt.

Wir Menschen entwickeln jenes Bild in den ersten Jahren nach unserer Zeugung anhand unserer Erfahrungen die wir machen. Es ist nicht so geschützt wie bei den Insekten. Das gibt uns die große Freiheit uns optimal an unser individuelles Leben und unsere Lebensumgebung anzupassen.

Ein Weg in die Freiheit also, gefährlich, aber eine spannende Reise wert…